Wie viel Macht hat dein Pass?

Ich reise relativ häufig in ferne Länder. Dementsprechend stehe ich öfters am Flughafen in einer Warteschlange, um von der Migrationsbehörde durchgewinkt zu werden und ins Land einreisen zu können. Der Schweizer Pass in den Händen stimmt mich jeweils zuversichtlich, mit nicht allzu übermässigem Misstrauen der Beamten konfrontiert zu werden und die Einreise zügig absolvieren zu können.

Komplizierte Flugbuchung

Dass dieses Vertrauen in die positive Wirkung der nationalen Zugehörigkeit keine Selbstverständlichkeit ist, habe ich vor einiger Zeit durch meinen Mann mit einem kolumbianischen Pass erfahren. So mussten wir eine Reise in die Schweiz getrennt buchen, da er bereits beim Check-In am kolumbianischen Flughafen einen gebuchten Rückflug vorweisen musste. Der Fluggesellschaft und den Behörden ist das Risiko sonst zu gross, dass er als Kolumbianer im Ausland bleibt und illegal untertaucht. Zudem mussten wir vor der Flugbuchung genau überprüfen, ob er mit Zwischenstopp London Heathrow fliegen kann, da eine Einreise nach Grossbritannien für kolumbianische Staatsbürger ohne Visum nicht möglich ist.

Es war dabei unerheblich, dass er gar nicht in Grossbritannien bleiben wollte, sondern Heathrow einfach als Umsteigeflughafen für die Weiterreise in die Schweiz nutzte. Wenn nämlich das Gepäck nicht direkt nach Zürich durchgecheckt wird, sondern in Heathrow abgeholt und neu eingecheckt werden muss, müssen KolumbianerInnen vorgängig ein Transitvisum beantragen. Erst mehrere Anrufe bei der Fluggesellschaft brachten hinreichend Sicherheit, dass dies nicht der Fall sein sollte.

Reisen mit oder ohne Visum

Die Webseite http://www.passportindex.org der internationalen Finanzberatungsfirma Arton Capital veröffentlicht jedes Jahr eine Liste der «mächtigsten» Pässe der Welt. Diese sind geordnet nach der Anzahl der Länder, in welche die jeweiligen StaatsbürgerInnen ohne Visum einreisen dürfen; der Anzahl Länder, in denen sie bei Ankunft ein Visum lösen müssen und der Anzahl Länder, für die im Voraus ein Visum beschafft werden muss.

Die Schweiz befindet sich auf dem elften Rang weltweit und folgt knapp auf mehrere Länder der Europäischen Union. In 123 Länder weltweit kann mit dem Schweizer Pass ohne Visum eingereist werden, bei 47 Ländern ist ein Visum vor Ort zu lösen und 28 Länder verlangen die Beschaffung eines Visums vor der Reise[1]. Zur letzten Kategorie gehören beispielsweise Staaten wie China, die Mongolei oder viele afrikanische Länder.

Vergleich der Visabestimmungen zwischen Kolumbien und der Schweiz (Quelle: www.passportindex.org)

Kolumbien befindet sich auf dem 76. Rang weltweit und liegt damit im Mittelfeld. Länder wie Kanada, die USA oder Australien, in die Schweizerinnen und Schweizer mit einer Electronic Travel Authorization (eTA) problemlos einreisen können, verlangen von Kolumbianerinnen und Kolumbianern ein Visum, das auf der Botschaft persönlich beantragt werden muss. Es erstaunt deshalb nicht, dass die Schlange vor der amerikanischen Botschaft in Bogotá so lange ist, dass man bei der Vorbeifahrt unweigerlich vermutet, es findet dort in Kürze das Konzert eines Superstars statt.

Kolumbianischer Umgang mit Vorurteilen

Es sind aber meiner Meinung nach nicht nur die regulären Visabestimmungen, welche die «Macht» eines Passes ausmachen, sondern vor allem auch die mit einer bestimmten Staatsbürgerschaft verknüpften Erwartungen von Personen anderer Nationalitäten. So kann vor allem ein allein nach Europa reisender Kolumbianer davon ausgehen, dass er vom Sicherheitspersonal am Flughafen genauestens auf Drogen untersucht wird. Dass die Kolumbianerinnen und Kolumbianer auf solche Erlebnisse und Vorurteile durchaus auch mal mit Humor reagieren, zeigt die Anzeige einer lateinamerikanischen Modekette:

«Ich bin Kolumbianer und habe nichts zu verstecken» – Werbekampagne mit einem durchsichtigen Koffer der lateinamerikanischen Modekette Totto

 

[1] Die bekannten eTA (Electronic Travel Authorization) beispielsweise für eine Einreise in die USA gehören zur zweiten Kategorie.

 

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